Tauchrevier Deutschland im Interview mit "Der Taucherblog"

2016 Tauchen in Messinghausen

29.07.2016, Steinbruch Messinghausen

Der „See im Berg“, „Steinbruchsee“ oder einfach „der Blaue“ genannt, ist kein unbekanntes Gewässer. Bis 1984 wurde hier in Messinghausen (Brilon) Diabas, ein hartes Gestein vulkanischen Ursprungs, aus dem Berg gesprengt. Das kraterförmige Loch füllte sich über die Jahre mit Regenwasser und ein einmaliges Tauchrevier in NRW entstand. Das klare, blaue Wasser empfing Taucher aus Nah und Fern. Traumhafte Sichtweiten und Lichteinfall bis auf die Maximaltiefe von 45 m spiegelten trügerische Sicherheit und wurden dem See zum Verhängnis. Mehrere Tauchunfälle mit Todesfolge verbreiteten den schrecklichen Ruf vom „Todessee im Sauerland“. 2009 wurden vom damaligen Betreiber Oliver Hecht Sicherheitsregeln und Tiefengrenzen für Sporttaucher erlassen, ab 2012 der Tauchbetrieb ausschließlich auf Klubmitglieder der „Scapehander“, technische Taucher, beschränkt.

Tauchen in Messinghausen

Seit einigen Monaten wird der Tauchbetrieb im Steinbruch Messinghausen von Matthias Schneider, dem Chef vom Tauchcenter Bielefeld, verantwortet und steht qualifizierten Tauchern unter Einhaltung von ausbildungskonformen Tiefengrenzen wieder offen. Ganz klar, da muss ich hin und mir ein eigenes Bild machen. Die Öffnungszeiten für den „See im Berg“ beschränken sich in der Regel auf das Wochenende. Nach kurzem Email-Austausch mit Matthias stand der Termin für Freitag 11:00 Uhr.

Für einen Tagesausflug aus Brandenburg ist das Sauerland mit ca. 500 km recht weit, so plane ich ein verlängertes Wochenende mit weiteren Tauchgängen in der Umgebung, im schönen Sorpesee und dem Schieferbergwerk Nuttlar. Meine Buddies Helmut und Heiko werden mich begleiten.

Die Anreise am Donnerstag verlief bestens und so erreichten wir am frühen Nachmittag unsere erste Station, die Pension Krüger in Brilon. Die Zimmer sind klein und fein, der Herzlichkeit riesengroß. Wir kamen schnell ins Plaudern und Scherzen. Der Kühlschrank wurde mit würzigem Pils gefüllt, das Frühstück individuell geplant. Frau Krüger empfahl uns für das Abendessen eine Gaststätte 1000 m talwärts. Und da es drohte zu regnen, bot sie uns einen kostenfreien Chauffeurdienst an, den wir dankend ausschlugen. Da wussten wir noch nicht, wie es im Sauerland regnen kann und das die 1000 m doch eher 2 km waren.

Unterwegs im Sauerland

Wir machten uns auf den Weg, die ersten Tropfen fielen vom Himmel. Nach wenigen Schritten sahen wir die vielen, kleinen Erdkröten, die die Straßenseite wechselten. Die Natur wählt jeden Zeitpunkt mit Bedacht. Froschregen! Das kann also kein kurzer Schauer sein. Der Regen wird stärker. Wir trotten wie begossene Pudel einsam die Straße entlang. Der Regen legt weiter zu. Nach gut 15 Minuten Fußmarsch wussten wir, die 1000 m waren stark untertrieben. Absolut durchtränkt tat sich uns ein Lichtblick auf, ein Schild mit der Aufschrift „Restaurant van Soest“ wies das Ziel.

Wir betraten triefend nass die Gaststube und erwarteten einen Verweis der Lokalität ob der nassen Kleidung. Das unerwartete Gegenteil trat ein: „Wenn Sie Ihre Hosen ausziehen, dann kann ich sie gleich in den Trockner stecken. „, begegnete uns die Wirtin freundlich. Und so geschah, dass ich erstmalig ein Zigeunerschnitzel in Unterhose in einer Gaststätte verspeiste.  Später reichte mir eine junge Frau einen Schlüssel mit dem Hinweis: „Dieses Angebot muss ich leider ablehnen.“ Sie fand den Hotelschlüssel bei einem prüfenden Blick im Trockner, der wohl aus der Hose gefallen sein muss.

Froschregen. Junge Erdkröten

Ich muss mich hier ein wenig in den Begegnungen verlieren, weil mich diese Freundlichkeit berührte. Später bot man uns noch einen kostenfreien Rücktransport zur Pension an, sollte es weiterhin regnen, was es dann nicht tat. Sowohl die Pension Krüger als auch das Restaurant van Soest würde ich jederzeit wieder besuchen.

Freitag, 10:30 Uhr. Wir parken unsere beiden Autos an der Pforte zum „See im Berg“. Wir sind allein. Es war gut, dass wir bereits gestern die Anreise zum Tauchplatz probten. Für Neulinge nicht ganz einfach zu finden. Wir wagen einen Blick in den Kessel und freuen uns auf die Tauchgänge. Es dauert nicht lange und ein Pickup mit der Aufschrift „Tauchcenter Bielefeld“ erscheint. Das muss Matthias sein. Ein „So könnt‘ ihr hier nicht stehen bleiben.“ ersetzte das erwartete „Guten Morgen“ oder „Hallo“. Ungewohnt für freundliche Brandenburger Ohren, aber OK. Die Autos sind schnell um 2 m umgesetzt.

Wir bauen unsere Geräte zusammen, erledigen den Check-In und erhalten von Matthias einige erklärende Worte zum See. Von den Parkplätzen bis zum Einstieg folgt man einem kleinen, steilen, steinigen Weg gut 100 m. Mit geschulterter D12 und Stage eine ziemliche Herausforderung, vor allem bergauf. Hierfür bietet Matthias einen einmaligen, erstklassigen Transferservice an. Zwei Lastenesel in Form von erprobten Jeeps transportieren das Equipment. Meine Buddies hängen wohl so sehr am Leben, dass sie das Fahren der Gefährte ausschließlich mir überließen. OK, die Meldeleuchte für die Handbremse hatte einen Wackler, aber sonst alles TÜV-geprüft.

Lastenesel. Tauchen in Messinghausen

Die Gerätschaften und wir sind nun am Einstieg. Das Wasser leuchtet blau. Wir können es kaum erwarten einzutauchen. Für den ersten Tauchgang lass ich meine Kamera an Land, möchte vollends genießen. Check, Platsch, Bubble-Check und es geht hinab. Die Steilkante erlaubt einen schnellen Abstieg. Wir erreichen 20 m und sind dann bald auf 40 m angekommen. Es ist taghell. Die Sicht unglaublich. Verhältnisse wie in der Adria, allein die Wassertemperatur mit 7 Grad wohl etwas kühler.

Wir schweben, tauchen in Richtung Kesselmitte und erreichen maximal  43 m. Die Steinformationen sind beeindruckend. Zurück an der Steilwand tauchen wir etwas auf und kommen vorbei an durchlöcherten Containern, einem Bus und einem Militärboot-Boot.  Auffällig das detaillierte Steuerrad, der Kettentrieb mit Welle zum Heck, die Kästen der Positionslichter, das Loch mit der dahinter liegenden Schwimmkammer. Ehrlich, bis gestern hatte ich keine Ahnung, was ich dort unten betauchte. Dank Linus Drescher weiß ich um all diese Details des M-Bootes, die Mitte der 60 Jahre gebaut wurden. Dankeschön.

M-Boot. Tauchen in Messinghausen

Auf etwa 20 m treffen wir auf drei Tunnelformationen, die an Gewächshäuser erinnern und zum Durchtauchen animieren. Im Tunnel schiebt sich langsam eine Regenbogenforelle an meiner Maske vorbei. Kamera Fehlanzeige. Hier wechseln wir auf unser Dekogas und beginnen mit dem Aufstieg. Auf einem Plateau in Ausstiegsnähe verbringen wir den letzten Dekostopp. Beobachtungen von wenigen Plötzen und Flussbarschen lassen die Zeit kurzweilig werden. Zwei große Störe ziehen ihre Bahnen und suchen den Grund nach Fressbarem ab. Neugierig schwimmen sie immer wieder auf uns zu. Taucher sind ihnen nicht ganz fremd. Fotos mache ich gedanklich. Wir steigen aus. Ein schöner Tauchgang in einem freundlichen Steinbruchsee.

Der Jeep schleppt sich samt Flaschen erfolgreich bergauf zur Füllstation. Zwischenzeitlich sind weitere Taucher eingetroffen. Man kommt ins Gespräch. Bouletten gegen den kleinen Hunger. Die Flaschen sind erneut in den Krater des Bergs gebracht. Diesmal werde ich meine Kamera mit hinab in die Tiefe nehmen.

Auch im zweiten Tauchgang lassen wir uns bis auf den Grund des Sees sinken und kreuzen ein wenig. Dann steht sie vor uns, mit langem, wallendem Haar, roten Strümpfen und schwarzem, knappem Lack-Outfit. Sie blickt dir tief in die Augen und spricht: „Bleib! Bleib bei mir!“. Es fällt mir schwer, den Blick auf mein Finimeter und Bottom-Timer zu senken. Ein letztes Foto und meine inzwischen gut geladenen Kompartimente sagen mir: „Steig auf!“.  Wir beginnen den Aufstieg, wechseln das Gas und blicken unentwegt umher, in der Hoffnung Neues zu entdecken. Nach einer guten Stunde erreichen wir das Ausstiegs-Plateau. Die Kamera ist zur Hand, allein die Störe lassen sich nicht blicken. So ist das eben.

 

 

Unterwasserimpressionen – Tauchen in Messinghausen

Die Flaschen sind wieder gefüllt, wir in trockenen Klamotten, der Sauerländer Regen ist zurück. Wir schnacken noch ein wenig mit Matthias, trinken einen heißen Kaffee, machen uns ehrlich und genehmigen noch einen letzten Blick in den Krater. Die Sonne hat die Regenwolken vertrieben und taucht die Steinwände in ein weiches, warmes Licht. Nein, so sieht kein Todessee aus. Die Bedingungen in diesem Steinbruch sind optimal. Sicht. Licht. Allein der Mensch neigt schnell zur Selbstüberschätzung.

See im Berg

Ich wünsche Matthias noch ganz viel Freude und Erfolg mit seinem einzigartigen Tauchrevier in Deutschland und allen Tauchern mindestens ebenso viel Spaß beim Tauchen wie wir ihn hatten. Wir ziehen weiter nach Sundern zum Tauchspaß im Sorpesee.

Kennt Ihr Messinghausen?

Freue mich auf eure Kommentare, Anmerkungen, Tipps, Links und Bilder.

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